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Benedikt und der Rabe

Ein kunterbunter Rabe saß traurig in einem Baum am Ufer eines Sees und beobachtete das Treiben der Tiere, die im See badeten und das frische Wasser genossen. Der Rabe war missgestimmt. Er mochte das bunte Federkleid nicht an sich und fühlte sich unwohl darin. Neidisch betrachtete er die einfarbigen Tiere um sich herum und wie glücklich sie doch waren. „Mein buntes Federkleid bin ich so leid“, klagte der Rabe laut.

Ein Löwe hatte gerade seinen Durst gestillt und lag unter dem Ast, auf dem der Rabe saß. Er wunderte sich über die Worte des schönen Vogels: „Warum bist du nicht zufrieden mit deiner Farbe? Hast du dich denn nicht selbst für Kunterbunt entschieden? Für seine Farbe ist doch jeder selbst verantwortlich! Du musst eben die richtige Farbe für dich finden, dann wirst du stark sein! Wie wäre es mit meinem Hellblond? Ich bin der König der Tiere. Wer mir nicht gehorcht, den fresse ich!“ – „Löwenblond sein will ich lieber nicht. Deine Farbe steht mir nicht zu Gesicht, denn gefährlich brüllen kann ich nicht“, antwortete der Rabe. Er wusste, dass er nicht mutig genug war, um die Farbe des Löwen zu tragen. – „Bunte Vögel mag ich auch nicht“, brüllte der Löwe beleidigt zurück.

Der Rabe verspürte Durst und flog zum Wasser, um etwas zu trinken. Neben ihm labte sich gerade ein schwer beladener Esel am Wasser. „Du bist ja ein schöner Vogel! Wie heißt du denn?“, wollte der Esel wissen, der den bunten Raben um sein frohes Federkleid beneidete. Schließlich glänzten die Federn in allen Farben. „Ich bin ein Rabe. Doch dieses bunte Federkleid bin ich mehr als leid“, stöhnte der Rabe.

„Mein Grau kann ich dir nicht empfehlen, doch kannst du es mir gerne stehlen“, entgegnete der Esel erstaunt.

Da mischte sich eine Schlange ins Gespräch ein, die sich am Boden durch den Sand schlängelte: „Eselgrau ist nicht grad’ schlau! Versuch’s doch mal mit giftblau!“, riet sie dem Raben und vergrub sich im Sand. „Grau ist für einen Raben wohl wirklich nicht sehr schlau. Lasten tragen kann ich nicht. So steht mir deine Farbe nicht zu Gesicht“, sprach der Rabe zum Esel. Dieser drehte dem Raben störrisch den Rücken zu und zog weiter seines Weges.

Da entdeckte der Rabe einen Mann, der auf der anderen Seite des Sees in der Sonne saß und ein Stück Brot aß. „Ich bin hungrig. Vielleicht hat der Mann ein gütiges Herz und überlässt mir ein Stück seines Brotes“, überlegte der Rabe, flog auf den Mann zu und ließ sich auf dessen Schulter nieder: „Hallo, mein lieber Freund“, sprach dieser und brach sogleich ein Stück seines Brotes ab, um es dem Raben hinzuhalten. Sein Name war Benedikt. Freudig nahm der Rabe das Brot aus der Hand Benedikts und kehrte fortan jeden Abend zu diesem zurück, um sich von ihm füttern zu lassen.

Wenn er satt war, hüpfte der Rabe zufrieden auf Benedikts Schulter. Bald waren sie untrennbare Freunde und verbrachten viel Zeit miteinander.

Eines Tages entschied der Rabe: „Ich trage fortan das Gewand meiner gütigen Hand!“, woraufhin er sich für immer rabenschwarz färbte. Der Rabe tat wohl an seinem Entschluss. Manches Gewand legt man sich eben an und tut gut daran.